Ein Gefühl, welches in der Transition-Zeit manchmal aufkommt, ist das Gefühl der Scham. „Dass mir das passiert, dafür schäme ich mich.“ oder „Es ist beschämend, nicht mehr so leistungsstark zu sein.“ usw. Die Scham führt z.T. so weit, sich von der bisherigen Lebensumwelt komplett zurückzuziehen, was zu großer Einsamkeit führen kann. Dabei brauchen Menschen gerade in herausfordernden Neuorientierungsphasen wie der Transition soziale Unterstützung.
Der Schamforscher Stephan Marks sagt: „Scham ist wie ein Seismograph, der sensibel reagiert, wenn das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit oder Integrität verletzt wurde.[…] Die Würde eines Menschen zu achten, bedeutet damit aus Sicht der Scham-Psychologie – ihm oder ihr „überflüssige“, vermeidbare Scham zu ersparen, d.h. nicht zu beschämen.“ (zitiert nach Alina Gause: „Kompass für Künstler“, S. 13).
Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, dass Tänzer*innen – insbesondere in der Transition-Zeit – einen Raum finden, in dem sie Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität erfahren können. Um diese Zeit des Übergangs Scham-frei erleben zu können, wäre es hilfreich, dass die Transition als notwendiger und selbstverständlicher Teil der Tanzkarriere behandelt wird, wie es glücklicherweise schon in einigen Kompanien der Fall ist.
In unserer Kultur herrscht teilweise noch eine Pädagogik der Scham und Beschämung: die Vorstellung, wonach Menschen dadurch zu verbessern seien, dass sie selbst erniedrigt werden und sich selbst erniedrigen (nach Marks, Stephan: Scham, die tabuisierte Emotion, S. 80). Derart entstandene, unverarbeitete Schamgefühle führen aber in eine emotionale Sackgasse. Sie führen zu Passivität und Depression, teilweise zu erneuter Verletzung. Unreflektierte Schamgefühle sind also wenig hilfreich für eine konstruktive Problemlösung.
Wer sich den Schamgefühlen bewusst stellt, ihre Ursache bzw. Herkunft identifiziert, kann aus diesen Gefühlen den Schluss ziehen, welcher Entwicklungsschritt notwendig ist. Wenn man erkennt, dass die persönlichen Grenzen zu oft überschritten wurden, ist es wichtig zu lernen, sich abzugrenzen. „Für diesen Schutz zu sorgen, gehört zur Verantwortung sich selbst gegenüber. Dazu benötigen wir die Scham: Sie bewahrt, was uns wichtig ist.“ (Marks, S. 167).
Literatur:
GAUSE, Alina: Kompass für Künstler, Berlin 2017
MARKS, Stephan: Scham – Die tabuisierte Emotion, Düsseldorf 2007

(Heike Scharpff, veröffentlicht im Newsletter der Stiftung TANZ, Juni 2017)

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